Tageszeitung, 5.12.2099
Die alte Mär vom Gentleman
Feiner Herr mit Schirm, Charme und Melone - Ein Männertypus, so vorbildlich, dass es ihn nie wirklich gab.
Er ist ein Beispiel vollkommenen Betragens. Stets tadellos gekleidet wahrt er sogar in auswegslosen Situationen die Fassung. Kein Wunder, dass sich viele den Gentleman zurückwünschen -die Benimm-Experten, die Herrenausstatter, die Frauen sowieso.
Höchste Eisenbahn, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Auslöser war eine Pressemappe, in der nicht nur von einer Gentleman's Colour Collection die Rede war, sondern auch von feinstem Porzellan, Stil, Kultur und Charity. Kauft der Mann eine Pink Baby Krawatte, wird er zum Kavalier: Zwei Euro fließen in die Erforschung von Brustkrebs und kommen damit vor allem den Damen zu Gute.
Nicht nur Herrenausstatter, die aus nachlässig gekleideten Mannsbildern endlich wieder Herren in korrekt sitzenden Anzügen machen wollen, sehnen sich nach dem Stil der alten Zeit. Auch von Benimm- und Stilexperten wird der Gentleman britischer Prägung so inbrünstig als Vorbild beschworen, dass man sich fragen muss: Gibt es ihn - und wenn ja, wo?
Im Zweifelsfall ist hochwertige Kleidung nachrangig. Gutes Benehmen zählt mehr.
Ein Anruf auf Schloss Harkotten bei der Firma Sieger im Münsterland, Absender der besagten Pressemappe. Michael Sieger, verantwortlich für Design, ist um eine Antwort nicht verlegen: „Es gibt ihn, zum Beispiel mein Nachbar hier in Harkotten." Dass ausgerechnet der Mann von nebenan genannt wird, ist eine Überraschung.
„Ein Gentleman ist nicht unbedingt derjenige, der seinen Lebensstil nach außen trägt, er geht vielmehr darin auf", sagt Sieger und ergänzt: „Im Zweifelsfall ist hochwertige Kleidung nachrangig. Es wäre falsch zu behaupten, dass ein Mann, der keinen Anzug im Schrank hat, kein Gentleman sein kann. Gutes Benehmen zählt mehr, im Sinne von Toleranz, Offenheit und Höflichkeit gegenüber jedem Menschen, unabhängig von dessen Beruf oder Herkunft."
Freundlich und gut zu jedem. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. „Der Gentleman ist heute eher ein Wunschbild, das entstanden ist, als es den echten Gentleman sowieso kaum noch gab", bestätigt Bernhard Roetzel. Der Autor des kürzlich in zweiter Auflage erschienenen Ratgebers „Der Gentleman - Handbuch der klassischen Herrengarderobe" (Ullmann/Tandem-Verlag, 19,95 Euro) verweist dabei auf den aristokratischen Ursprung des Gentleman, des wohlgeborenen Herrn.
„Man darf nicht vergessen, dass sich der Typus aus dem britischen Adel innerhalb einer Klassengesellschaft mit klar voneinander abgegrenzten Bevölkerungsgruppen entwickelt hat. Daher passt der reale Gentleman des 19. Jahrhunderts auch nicht mehr zu unserem heutigen demokratischen Grundverständnis. Denn zu ihm gehörte eine gewisse Überheblichkeit."
In der Literatur und im Kino ist dieser Standesdünkel jedoch nichts weiter als eine liebenswerte Marotte: „Unser Bild ist stark geprägt von der Karikatur dieses Typus", sagt Roetzel und erinnert an David Niven alias Phileas Fogg in der Verfilmung des Jules-Vernes-Romans „In achtzig Tagen um die Welt" (1956). „Gerade die Aufrechterhaltung der korrekten Form um jeden Preis wird hier satirisch überspitzt." Zum Wunschbild des Gentleman gehört aber auch eine gewisse Selbstlosigkeit, meint der Experte. „Hier wird die Sehnsucht nach Höflichkeit und christlich grundierter Nächstenliebe bedient, die unabhängig vom gesellschaftlichen Stand jeder Person gilt."
Im Märchen über den Gentleman liegt ein Fünkchen Wahrheit. Als die Titanic sank, blieben die echten Gentlemen an Bord. Das hat der Ökonomieprofessor Bruno S. Frey bei Forschungen zum Verhalten unter
Stress herausgefunden. Er wies nach, dass Briten auf dem sinkenden Ozeanriesen weniger Überlebenschancen hatten als Angehörige anderer Nationen. Denn für die Engländer war es eine Frage des Anstands, anderen den Vortritt zu lassen - und die Rettungsboote zu überlassen. „Be british!", sollen sie einander zugerufen haben, als es darum ging, sich zwischen dem Kampf ums nackte Überleben und dem Tod als Ehrenmann zu entscheiden, mit Scotch im Glas.
Mit der Studentenbewegung kamen Jeans, T-Shirts und langes Zottelhaar
Ist der Gentleman so ein rares Exemplar Mann, weil ihn die Evolution aussortierte? Roetzel hält seine Überlebenschancen zumindest hierzulande für schlecht. „Seit dem Ersten Weltkrieg und der Abschaffung der Aristokratie ist der Gentleman in Deutschland quasi ausgestorben." Zum gesellschaftlichen Wandel kommt die Mentalität.
„Wer bei uns aus der Masse herausragt, wird gemieden. Da ist viel Neid im Spiel", sagt der Fachmann für Stilfragen. Von einem achtbaren Mann werde bei uns eine introspektive, vergeistigte Haltung erwartet. „Den Deutschen fehlt zudem der Humor, der in England zu finden ist, und der eine Unterhaltung stets amüsant macht." Dennoch geistert der Gentleman auch in deutschen Köpfen als Vorbild umher. Laut Roetzel ist das unter anderem Hermann Baron von Edeling zu verdanken, der diese Spezies allein durch seine Bücher über die klassische Herrengarderobe bis in die 1960er Jahre am Leben gehalten habe.
Dann kam die Studentenbewegung und mit ihr Jeans, Shirts und Zottelhaar. Wer Anzug und Krawatte trug, galt als ewig
Gestriger. Rebellion statt Tradition lautete die Parole. Längst schlägt das Pendel zurück. Benimmschulen und Stilberater werben damit, den Mann wieder zum Herrn, die Frau zur Dame zu machen.
„Rein äußerlich wäre es sicher möglich, jeden Mann durch den entsprechenden Look als Gentleman erscheinen zu lassen und damit eine gewisse Wirkung zu erzielen", sagt Roetzel, der selbst Stilseminare anbietet. „Innere Werte und Erziehung kann man sich mit Kleidung allein aber nicht zulegen. Dennoch würde ich schon sagen, dass korrekte Kleidung ein verbessertes Verhalten herbeiführen kann." Kleide sich ein Mann als Gentleman, signalisiere er Friedfertigkeit und Gelassenheit. „Zugleich ist er so herausgehoben aus dem Alltäglichen, dass er unangreifbar erscheint."
Doch während für den erfolgsorientierten modernen Mann die Rückkehr zu traditionellen Werten nur ein Trend ist, verkörpert der Gentleman die Tradition in seiner ganzen Person. „Er ist geradezu resistent gegenüber Trends, schließlich führt er die Familientradition fort, trägt Anzüge, die schon zehn Jahre in seinem Schrank hängen, hat seinen Frack vom Vater geerbt, käme nie auf die Idee, das Mobiliar seines Hauses zu erneuern und hält statt dessen seine Erbstücke hoch."
Ein Kennzeichen des Gentleman sei zudem, dass in seinem Fotoalbum keine Bilder aus langhaarigen Jugendzeiten zu finden seien. „Er sieht durchgängig tadellos aus", sagt Roetzel und nennt als Gentleman von heute Richard von Weizsäcker, den hochbetagten Unternehmer Berthold Beitz sowie den Kaffeehändler Albert Darboven. „Und es gibt noch andere, bekannte und unbekannte."
Lernen kann man vom Gentleman vieles. „Zum Beispiel seinen Sinn für Form, was mit dem Kämmen des Haars beginnt. Es geht aber auch darum, gefühlsmäßig die Form zu wahren, nicht ausfällig oder laut zu werden, wenn etwas nicht so klappt wie gewünscht. Der Gentleman regt sich niemals auf und wirkt auch durch seine Höflichkeit ausgleichend auf die Gemeinschaft. So trägt er zu einem angenehmen Zusammenleben bei."
Der Gentleman ist tot, es lebe der Gentleman: Obwohl die Welt des modernen Mannes wenig gemein hat mit der des müßigen Herrn von damals, hält sich der Typus hartnäckig als Vorbild.
VON JULIA FÖRCH
Foto: Elenathewise/Fotolia
Die alte Mär vom Gentleman
Feiner Herr mit Schirm, Charme und Melone - Ein Männertypus, so vorbildlich, dass es ihn nie wirklich gab.
Er ist ein Beispiel vollkommenen Betragens. Stets tadellos gekleidet wahrt er sogar in auswegslosen Situationen die Fassung. Kein Wunder, dass sich viele den Gentleman zurückwünschen -die Benimm-Experten, die Herrenausstatter, die Frauen sowieso.
Höchste Eisenbahn, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Auslöser war eine Pressemappe, in der nicht nur von einer Gentleman's Colour Collection die Rede war, sondern auch von feinstem Porzellan, Stil, Kultur und Charity. Kauft der Mann eine Pink Baby Krawatte, wird er zum Kavalier: Zwei Euro fließen in die Erforschung von Brustkrebs und kommen damit vor allem den Damen zu Gute.
Nicht nur Herrenausstatter, die aus nachlässig gekleideten Mannsbildern endlich wieder Herren in korrekt sitzenden Anzügen machen wollen, sehnen sich nach dem Stil der alten Zeit. Auch von Benimm- und Stilexperten wird der Gentleman britischer Prägung so inbrünstig als Vorbild beschworen, dass man sich fragen muss: Gibt es ihn - und wenn ja, wo?
Im Zweifelsfall ist hochwertige Kleidung nachrangig. Gutes Benehmen zählt mehr.
Ein Anruf auf Schloss Harkotten bei der Firma Sieger im Münsterland, Absender der besagten Pressemappe. Michael Sieger, verantwortlich für Design, ist um eine Antwort nicht verlegen: „Es gibt ihn, zum Beispiel mein Nachbar hier in Harkotten." Dass ausgerechnet der Mann von nebenan genannt wird, ist eine Überraschung.
„Ein Gentleman ist nicht unbedingt derjenige, der seinen Lebensstil nach außen trägt, er geht vielmehr darin auf", sagt Sieger und ergänzt: „Im Zweifelsfall ist hochwertige Kleidung nachrangig. Es wäre falsch zu behaupten, dass ein Mann, der keinen Anzug im Schrank hat, kein Gentleman sein kann. Gutes Benehmen zählt mehr, im Sinne von Toleranz, Offenheit und Höflichkeit gegenüber jedem Menschen, unabhängig von dessen Beruf oder Herkunft."
Freundlich und gut zu jedem. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. „Der Gentleman ist heute eher ein Wunschbild, das entstanden ist, als es den echten Gentleman sowieso kaum noch gab", bestätigt Bernhard Roetzel. Der Autor des kürzlich in zweiter Auflage erschienenen Ratgebers „Der Gentleman - Handbuch der klassischen Herrengarderobe" (Ullmann/Tandem-Verlag, 19,95 Euro) verweist dabei auf den aristokratischen Ursprung des Gentleman, des wohlgeborenen Herrn.
„Man darf nicht vergessen, dass sich der Typus aus dem britischen Adel innerhalb einer Klassengesellschaft mit klar voneinander abgegrenzten Bevölkerungsgruppen entwickelt hat. Daher passt der reale Gentleman des 19. Jahrhunderts auch nicht mehr zu unserem heutigen demokratischen Grundverständnis. Denn zu ihm gehörte eine gewisse Überheblichkeit."
In der Literatur und im Kino ist dieser Standesdünkel jedoch nichts weiter als eine liebenswerte Marotte: „Unser Bild ist stark geprägt von der Karikatur dieses Typus", sagt Roetzel und erinnert an David Niven alias Phileas Fogg in der Verfilmung des Jules-Vernes-Romans „In achtzig Tagen um die Welt" (1956). „Gerade die Aufrechterhaltung der korrekten Form um jeden Preis wird hier satirisch überspitzt." Zum Wunschbild des Gentleman gehört aber auch eine gewisse Selbstlosigkeit, meint der Experte. „Hier wird die Sehnsucht nach Höflichkeit und christlich grundierter Nächstenliebe bedient, die unabhängig vom gesellschaftlichen Stand jeder Person gilt."
Im Märchen über den Gentleman liegt ein Fünkchen Wahrheit. Als die Titanic sank, blieben die echten Gentlemen an Bord. Das hat der Ökonomieprofessor Bruno S. Frey bei Forschungen zum Verhalten unter
Stress herausgefunden. Er wies nach, dass Briten auf dem sinkenden Ozeanriesen weniger Überlebenschancen hatten als Angehörige anderer Nationen. Denn für die Engländer war es eine Frage des Anstands, anderen den Vortritt zu lassen - und die Rettungsboote zu überlassen. „Be british!", sollen sie einander zugerufen haben, als es darum ging, sich zwischen dem Kampf ums nackte Überleben und dem Tod als Ehrenmann zu entscheiden, mit Scotch im Glas.
Mit der Studentenbewegung kamen Jeans, T-Shirts und langes Zottelhaar
Ist der Gentleman so ein rares Exemplar Mann, weil ihn die Evolution aussortierte? Roetzel hält seine Überlebenschancen zumindest hierzulande für schlecht. „Seit dem Ersten Weltkrieg und der Abschaffung der Aristokratie ist der Gentleman in Deutschland quasi ausgestorben." Zum gesellschaftlichen Wandel kommt die Mentalität.
„Wer bei uns aus der Masse herausragt, wird gemieden. Da ist viel Neid im Spiel", sagt der Fachmann für Stilfragen. Von einem achtbaren Mann werde bei uns eine introspektive, vergeistigte Haltung erwartet. „Den Deutschen fehlt zudem der Humor, der in England zu finden ist, und der eine Unterhaltung stets amüsant macht." Dennoch geistert der Gentleman auch in deutschen Köpfen als Vorbild umher. Laut Roetzel ist das unter anderem Hermann Baron von Edeling zu verdanken, der diese Spezies allein durch seine Bücher über die klassische Herrengarderobe bis in die 1960er Jahre am Leben gehalten habe.
Dann kam die Studentenbewegung und mit ihr Jeans, Shirts und Zottelhaar. Wer Anzug und Krawatte trug, galt als ewig
Gestriger. Rebellion statt Tradition lautete die Parole. Längst schlägt das Pendel zurück. Benimmschulen und Stilberater werben damit, den Mann wieder zum Herrn, die Frau zur Dame zu machen.
„Rein äußerlich wäre es sicher möglich, jeden Mann durch den entsprechenden Look als Gentleman erscheinen zu lassen und damit eine gewisse Wirkung zu erzielen", sagt Roetzel, der selbst Stilseminare anbietet. „Innere Werte und Erziehung kann man sich mit Kleidung allein aber nicht zulegen. Dennoch würde ich schon sagen, dass korrekte Kleidung ein verbessertes Verhalten herbeiführen kann." Kleide sich ein Mann als Gentleman, signalisiere er Friedfertigkeit und Gelassenheit. „Zugleich ist er so herausgehoben aus dem Alltäglichen, dass er unangreifbar erscheint."
Doch während für den erfolgsorientierten modernen Mann die Rückkehr zu traditionellen Werten nur ein Trend ist, verkörpert der Gentleman die Tradition in seiner ganzen Person. „Er ist geradezu resistent gegenüber Trends, schließlich führt er die Familientradition fort, trägt Anzüge, die schon zehn Jahre in seinem Schrank hängen, hat seinen Frack vom Vater geerbt, käme nie auf die Idee, das Mobiliar seines Hauses zu erneuern und hält statt dessen seine Erbstücke hoch."
Ein Kennzeichen des Gentleman sei zudem, dass in seinem Fotoalbum keine Bilder aus langhaarigen Jugendzeiten zu finden seien. „Er sieht durchgängig tadellos aus", sagt Roetzel und nennt als Gentleman von heute Richard von Weizsäcker, den hochbetagten Unternehmer Berthold Beitz sowie den Kaffeehändler Albert Darboven. „Und es gibt noch andere, bekannte und unbekannte."
Lernen kann man vom Gentleman vieles. „Zum Beispiel seinen Sinn für Form, was mit dem Kämmen des Haars beginnt. Es geht aber auch darum, gefühlsmäßig die Form zu wahren, nicht ausfällig oder laut zu werden, wenn etwas nicht so klappt wie gewünscht. Der Gentleman regt sich niemals auf und wirkt auch durch seine Höflichkeit ausgleichend auf die Gemeinschaft. So trägt er zu einem angenehmen Zusammenleben bei."
Der Gentleman ist tot, es lebe der Gentleman: Obwohl die Welt des modernen Mannes wenig gemein hat mit der des müßigen Herrn von damals, hält sich der Typus hartnäckig als Vorbild.
VON JULIA FÖRCH
Foto: Elenathewise/Fotolia

Tageszeitung, 5.12.2009


