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Esslinger Zeitung am Wochenende, 12./13.12.2009

Getanzte Poesie

Vladimir Malakhov ist einer der herausragenden Tänzer unserer Zeit - für manche ist er gar das Maß aller tänzerischen Dinge. Seine Schritte wirken wie getanzte Poesie. Viele Fotografen haben versucht, seine Kunst ins Bild zu setzen. Doch keiner durfte dem begnadeten Ballett-Star und seinem Ensemble so nahe kommen wie Dieter Blum.

Seit Jahren pflegen die beiden eine intensive Arbeitsbeziehung, aus der jene Vertrautheit erwuchs, die es dem Esslinger Fotokünstler erlaubte, Momentaufnahmen von außergewöhnlicher Nähe und Intimität einzufangen. Die schönsten Motive sind nun in einem monumentalen Bildband mit dem schlichten Titel „Vladimir Malakhov" vereint, der ein Kunstwerk für sich geworden ist.

Dieter Blum ist es gelungen, nicht nur Sternstunden der Tanzkunst einzufangen, sondern auch bewegende Einblicke in die Seele des Tänzers zu gewähren. Die Magie des Augenblicks in seinen Bildern festzuhalten, gehört zu Dieter Blums großen Stärken. Und mit dieser Gabe hat er Vladimir Malakhov schon bei der allerersten Begegnung für sich eingenommen.

Der Tänzer, in dem viele den legitimen Nachfolger Rudolf Nurejews sehen, plante vor Jahren einen Bildband, hatte aber nur wenige Stunden Zeit für ein Foto-Shooting. Blum nahm die Herausforderung trotzdem an, und bereits bei der allerersten Aufnahme stellte sich jene wunderbare Übereinstimmung ein, die Bilder wie diese erst möglich macht:
Malakhov setzte zu einer Ballettfigur an, Blums Kamera klickte auf die Zehntelsekunde genau im richtigen Moment - und der Bühnenstar wusste: „Das ist mein Mann."

Ein Kosmos von Eindrücken

Seither ist der Kontakt zwischen den beiden nie mehr abgerissen. Dieter Blum begleitete den ehemaligen Stuttgarter Balletttänzer und heutigen Intendanten des Berliner Staatsballetts nicht nur auf die großen Bühnen dieser Welt, er bat ihn auch zu mehreren Sessions in sein Studio auf Esslingens Höhen, wo der international renommierte Fotograf, der inzwischen in Düsseldorf lebt, jeden Monat eine Woche lang arbeitet.

So reifte im Laufe von 18 Jahren aus rund 150 Fotografien ein Buch, das für die Tanzfotografie Maßstäbe setzt. Und egal, ob auf der Bühne entstanden oder im Studio eigens inszeniert: Jedes dieser Bilder erzählt eine eigene Geschichte und eröffnet dem Betrachter, der sich auf dieses sinnliche Erlebnis einzulassen vermag, einen ganzen Kosmos von Eindrücken und Empfindungen.

„Meine Fotografien habe ich bereits im Kopf, noch ehe die Kamera klickt", verrät Dieter Blum sein Arbeitsprinzip. Dass er ganz selbstverständlich die Regie übernahm, wenn neue Aufnahmen entstanden, war für den weltberühmten Tanzkünstler kein Problem: „Er wusste in jeder Sekunde, dass er sich ganz auf mich verlassen und sich mir anver-
trauen kann. Und er wusste, dass er sich um die Bildqualität auch keine Sorgen machen muss", schmunzelt Blum.

So war es ganz selbstverständlich, dass sich Vladimir Malakhov und sein Ensemble auch unbekleidet vor der Kamera bewegten. Denn Dieter Blums Objektiv wird niemals zum vordergründigen Vo-yeur, sondern begegnet seinem Gegenüber mit größtem Respekt. Und er weiß: „Ohne bedingungsloses gegenseitiges Vertrauen wäre dieses Projekt undenkbar gewesen."

Zwischen Glamour und Drama

Der Esslinger Fotograf versucht, Menschen nicht nur abzubilden, sondern ihnen nahe zu kommen. Deshalb wird auch der große Malakhov nicht einfach zur Ikone stilisiert, sondern mit all seinen Facetten wahrgenommen: als der strahlende Star im Rampenlicht genauso wie als der völlig erschöpfte Künstler in der Garderobe nach einem auch für ihn atemberaubenden Auftritt.

„Man kann sich kaum vorstellen, welche übermenschliche Leistung ein Tänzer wie Vladimir Malakhov vollbringt", sagt Dieter Blum. „Diese Realität wird von den meisten gar nicht wahrgenommen. Viele sehen nur den Glitzer und nicht das Drama hinter der Bühne, diese geschundenen Füße." Blum war dem Jahrhunderttänzer auch in solchen Momenten nah und erlebte ihn ganz und gar als Mensch aus Fleisch und Blut.

So entstand ein Bildband, der tiefer geht als die meisten anderen. Der bezaubernde Augenblicke festhält und eigene Kunstwerke kreiert. Der eine ganz eigene Erotik und Intimität ausstrahlt und trotzdem eine respektvolle Distanz bewahrt. Und dem das seltene Kunststück gelingt, die unerhörte Leichtigkeit und die mitreißende Dynamik der Bewegung für einen Wimpernschlag festzuhalten.

Dieter Blum (Fotos) und Claus Lutterbeck (Text): „Vladimir Malakhov". H. F. Ullmann Verlag, 264 Seiten, 49,95 Euro.

Dieser Bildband ist auch in einer limitierten Collector's Edition und in einer ebenfalls limitierten Art Edition erschienen.

Dieter Blum zeigt den Jahrhunderttänzer Vladimir Malakhov nicht nur auf der Bühne, etwa im Duo mit Charly Galta (oben links) oder Yseult Lendvai (unten rechts), sondern auch hinter den Kulissen (unten links) nach einer buchstäblich atemberaubenden Performance.
Und er setzt Ensemblemitglieder wie Nadja Saidakova in der Inszenierung „WeiberTodTeufel" (oben rechts) ins Bild.


<i>Esslinger Zeitung am Wochenende</i>, 12./13.12.2009
Esslinger Zeitung am Wochenende, 12./13.12.2009



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